Im Zweifel für den Aufstand

Warum von einem „anderen“ Zusammenleben träumen? Weil offensichtlich ist, wer die Verantwortung für die aktuellen weltweiten sozialen Konflikte trägt: der Kapitalismus und seine Verfechter*innen, als ein moderner Ausdruck der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Dieser gesellschaftliche Zustand kann mit leidenschaftlichem Einfallsreichtum zum Stillstand gebracht werden. Es entsteht eine offene Feindschaft zwischen denjenigen, welche für die Ausbeutung, die Knechtschaft, die Unterdrückung stehen, und denjenigen, die genau diese Verhaltensweisen verneinen und überwinden wollen. Auch wenn letztere dies nur in kurzen flammenden Momenten ausdrücken. Die Gewalt, die bei jeglicher direkten Tat entstehen kann, und deren Ausmaß ist nicht das Ziel, sondern eine Variabel. Viel wichtiger und einprägender, wenn auch nur für einen kurzen Moment, ist es zu spüren, das Leben in die eigene Hand zu nehmen und nicht auf irgendeine Form der Erlaubnis zu warten oder zu hoffen. Denn in dieser Art von Infragestellung der Autorität und Herrschaft liegt ein Befreiungsmoment von der Ohnmacht, welche uns so sehr antrainiert wird. Die Qualität des Augenblicks kann dabei wichtiger sein als die Quantität des angerichteten Schadens.

Da kann an die Erlebnisse des G20 in Hamburg 2017 angeknüpft werden. Denn während dieser Tage gab es Momente, in denen man sich ungebändigt bewegen konnte. Eigentum wurde enteignet und zerstört und seine Verteidiger*innen angegriffen und tausende Menschen haben sich daran erfreut. Viele staatstreue Menschen sehen so etwas abwertend und verurteilen die Geschehnisse als Plünderei und Barbarei. In der Kanaille jedoch ist das Wort der Zerstörung und des Angriffs nicht verpönt, sondern Teil einer notwendigen revolutionären Praxis, die sich in Worten und Taten ausdrückt. Die konkrete Unterstützung für die Menschen, die von der Autorität geächtet werden, kann sich dementsprechend nicht anders ausdrücken als mit der Handlung, die die schier unbeschreibliche Begierde der sozialen Umwälzung in sich birgt. Gewisse Risiken selbstbewusst vorherzusehen, bzw. in Kauf zu nehmen ist Teil dieses Bewusstseins. Die forcierte Einsperrung hinter Gittern ist eine der vielen Formen des Freiheitsentzugs und Einschränkungen, die von der Macht/Herrschaft/Autorität in Rechnung gestellt wird. Es ist die Rache der Herrschenden nach Misserfolgen und öffentlicher Demütigung ihrer Hoheitsansprüche, wie es bei eben diesem G20-Gipfel passiert ist.

Und so wurden in der Nacht auf den 8.7.2019 drei Anarchist*innen festgenommen und daraufhin mehrere Wohnungen durchsucht. Nach der Haftprüfung sitzen nun zwei in Untersuchungshaft in Hamburg-Holstenglacis, die dritte Person kam gegen Auflagen raus. Ihnen wird laut Presse die Vorbereitung einer Brandstiftung im Zusammenhang mit dem Jahrestag der Krawalle gegen den G20-Gipfel 2017 in Hamburg vorgeworfen. In eben dieser wird auch anhand des angeblichen Ermittlungserfolges ein Klima des Sieges der Autorität und Herrschaft gegen die Proteste beim G20 verbreitet. Die massive Repression vor und nach dem G20, das Verbot von linksunten.indymedia und die öffentlichen Fahndungen mit Hilfe von Massenmedien, Facebook und Co. zeigen jedoch auch die offensive Sprengkraft der G20 Proteste gegen den Staat und unterstreichen die Rachelust des selbigen.

Umso interessanter sind die bisherigen Solidaritätsbekundungen, häufig verbunden mit einer offensiven Tat, die sich der herrschenden Moral bewusst entziehen. Im Zuge der Festnahme der drei Anarchist*innen von der „Parkbank“ fallen insbesondere zwei Aspekte gleichermaßen ins Augenmerk: Die konkrete Solidarität und Kompliz*innenschaft durch ein weitreichendes Aktionsspektrum und die Notwendigkeit zu Handeln gegen den fremdbestimmten gesellschaftlichen Kontext. Seit der Nacht, in der die Gefährt*innen festgenommen worden sind, gab es eine Vielfalt von solidarischen Texten, Gesten und Taten. Das Bemerkenswerte der solidarischen Handlungen in den letzten Wochen ist die gegenseitige Bezugnahme zu den unterschiedlichsten Zielen. Seien es zerstörte Funkmasten in Österreich oder angezündete Bagger von einem neu geplanten Gefängnis in Zwickau. Die inhaltliche Verknüpfung mit der Situation von den drei Anarchist*innen ist kein Zufall, sondern ein gewollter Akt der Kompliz*innenschaft für die Zuspitzung der sozialen Konflikte – das Leben von Ideen.

Das Umfeld und die Kompliz*innen der Betroffenen sparen sich explizit ein Schuld- und Unschuldprinzip und haben somit den Weg für andere offensive und befreiende Handlungsmöglichkeiten geebnet. Hier sei angemerkt, das wir das Prinzip von Schuld und Unschuld als ein rechtliches juristisches Konstrukt und dessen Gerichtsbarkeit ablehnen. Wir zeigen uns solidarisch mit denjenigen, die sich entscheiden ohne Vermittlung und Vertretung der Konfrontation mit den Machthaber*innen zu stellen und ihren Ideen von einen selbstbestimmten Zusammenleben Taten folgen lassen. Es wäre fatal, diesen Diskurs nur unter Expert*innen und Eliten einzupferchen. Genau dann würde die Repression Erfolg haben: wenn sich die Solidarität nur um sich selbst drehen würde. Doch so sind es die oben genannten, verschiedenen Aktionen in unterschiedlichen Regionen und Ländern, die versuchen, durch ihre Anregungen den Gedanken, die Funken für einen Aufstand zu verbreiten.

Bisher gibt es keine Kollaboration mit dem Staat. Dies ist ein mutiger Schritt, in Betracht der womöglichen verhängnisvollen Situation der Betroffenen. Deren kommende Zukunft wird mit großer Wahrscheinlichkeit von Knast und Repression, einer öffentlichen Stigmatisierung ihrer Person und einer tiefgehenden Durchleuchtung ihres Umfelds geprägt werden. Jedoch, können sich die Gefährt*innen ermutigt von der offensiven Solidarität fühlen und uns lässt es hoffen, dass sie von der Idee und dem Traum eines selbstbestimmten Zusammenlebens zehren und dafür kämpfen, auch in und aus den kalten Zellen eines Gefängnisses.

Auf dass die Funkenschläge der Solidarität die Ideen des Aufstandes voranbringen.
Grüße der Kanaille an die „Drei von der Parkbank“.